{"id":6485,"date":"2022-04-22T11:31:02","date_gmt":"2022-04-22T09:31:02","guid":{"rendered":"https:\/\/gsalden.folkwang-uni.de\/?p=6485"},"modified":"2022-05-01T16:48:43","modified_gmt":"2022-05-01T14:48:43","slug":"brasil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gsalden.folkwang-uni.de\/index.php\/2022\/04\/22\/brasil\/","title":{"rendered":"Brasil"},"content":{"rendered":"<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/gsalden.folkwang-uni.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Brasil.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Hi, mein Name ist Anneke Niehues und ich studiere Kommunikationsdesign an der Folkwang Universit&auml;t der K&uuml;nste. Heute stelle ich Euch meine <em>Lieblingsschrift<\/em> &raquo;Brasil&laquo; von Georg Salden vor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Die Brasil wurde von Georg Salden im Jahr 1973 f&uuml;r den Titelsatz gestaltet und in den 80er Jahren f&uuml;r den Mengensatz ausgebaut. Sie verbindet Merkmale einer Grotesk und einer Antiqua. Salden entwarf sie exklusiv f&uuml;r den GST-Kreis, einen Zusammenschluss von Layoutsetzereien in zun&auml;chst ganz Deutschland, sp&auml;ter weltweit, der sich Anfang der&nbsp; 70er Jahre gr&uuml;ndete und bis in die 90er Jahre bestand.<\/p>\n\n\n\n<p>Die TypeManufactur, die einige von Georg Saldens Satzschriften heute vertreibt, sagt &uuml;ber die Brasil:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Beim Entwurf der Brasil griff Georg Salden auf kalligrafische Erfahrungen zur&uuml;ck. Allerdings verzichtete er auf den starken Fettenkontrast der geschriebenen Kurven und deren schr&auml;gen Achsen. Obwohl Brasil den Serifenlosen zuzuordnen ist, entsprechen Balkenkontrast und Bewegung v&ouml;llig einer echten Antiqua. Aufgrund ihrer gr&ouml;&szlig;eren Linearit&auml;t steht sie den Groteskschriften zweifellos n&auml;her. Bezeichnend f&uuml;r den Grotesk-Charakter sind beispielsweise das gemeine g und u.<\/p>\n\n\n\n<p>Brasil betont alle Ecken und Spitzen durch konkave Balkenabschl&uuml;sse, die waagrechten Balken durch gew&ouml;lbte Au&szlig;enlinien. Die Senkrechten sind nicht gleichm&auml;&szlig;ig &bdquo;tailliert&ldquo;, sondern im Mittelteil gerade. Auch innen bleiben sie zum Winkel hin gerade. Die Einl&auml;ufe der Gemeinen h, m usw. sind gerundet, die Innenr&auml;ume von B, D usw. n&auml;hern sich damit dem Oval an. Die Kopfabschl&uuml;sse sind gewichtiger als die Abschl&uuml;sse der Buchstabenf&uuml;&szlig;e. Die schr&auml;gen Abschl&uuml;sse der Oberl&auml;ngen schlie&szlig;en gut an Versaloberkanten an und vermindern gleichzeitig die Betonung des Raumes oberhalb des eigentlichen Schriftbandes der Gemeinen. Alle spitzen Innenr&auml;ume sind mit Einstichen ge&ouml;ffnet, sodass sie beim Druck in kleinen Schriftgraden nicht zulaufen. Brasil besitzt eine gro&szlig;e x-H&ouml;he. Ihre Ungebundenheit beweist die Schrift im Zusammengehen der gegens&auml;tzlichen a-, g-, &szlig;- und u-Formen. Die Versalien stehen &uuml;berzeugend und zeigen mit schmalen T, N und O, jedoch relativ breiten B und S unorthodoxe Proportionen. Die runden Formen der Interpunktionen bilden einen reizvollen Gegensatz zu den gesch&auml;rften Balkenendungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Zur Typik der Brasil geh&ouml;rt ein Anschwellen der Rundungen an einzelnen Buchstabenpartien, beispielweise bei den Halbrunden Versalien B, D, P und R, bei U und u, bei den rechten Senkrechten von h, m und n, vor den Kurven des f und t, und im Unterl&auml;ngenbereich von J, j, g und y. Alle anderen Rundungen werden zur Waagrechten hin &bdquo;gleichm&auml;&szlig;ig&ldquo; d&uuml;nner. Die Endungen tragen, soweit sie frei auslaufen, oben senkrecht und unten schr&auml;g geschnittene kr&auml;ftige Abschl&uuml;sse. Dabei sind die feinen Spitzen gebrochen. K, k und R m&uuml;nden in der Mitte waagrecht ein. Au&szlig;ergew&ouml;hnlich ist das &szlig;, das trotz seines bewegten Ablaufs nicht an seine Herkunft aus der Fraktur erinnert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Alle Schriftschnitte sind f&uuml;r sich entwickelt und nicht interpoliert. Ein Vergleich der Kopfkurven in den einzelnen Schnitten macht ihre Selbst&auml;ndigkeit deutlich. Was eine &bdquo;Leichte&ldquo; an Schwung in den Gro&szlig;formen zul&auml;sst, muss eine &bdquo;Fette&ldquo; durch andere Formbewegungen kompensieren. Der halbfette Schnitt ist besonders eng zugerichtet. Mit der Buch und der Kr&auml;ftig stehen wahlweise zwei Textschriften zur Verf&uuml;gung. Die Kursiven, die ihren Schreibcharakter nicht verbergen, stehen der Antiqua n&auml;her als die geraden Schnitte. Das ist bei den An- und Abg&auml;ngen von A und E deutlich zu erkennen. Die Gro&szlig;buchstaben beziehen aus diesen Elementen ihre Verwandtschaft zu den Gemeinen. Vorzugsweise mit mediaevalen Ziffern zu setzen, sind die Kursiven auch f&uuml;r l&auml;ngere Texte bestens geeignet. Gerade poetische Literatur wirkt ausdrucksstark. Die kursiven Schriftschnitte Extraleicht, Leicht und Buch enthalten zus&auml;tzlich Alternativbuchstaben mit ausladenden Schw&uuml;ngen. Die reich ausgebaute Schrift, von extraleicht bis fett, wirkt im kleingradigen Flie&szlig;text sachlich und pr&auml;zise. In gro&szlig;en Gr&ouml;&szlig;en zeigt sie ihre Ornamentik.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Nun zur Beschreibung der Schrift und ihrer Historie:<\/h5>\n\n\n\n<p>Die Brasil ist eine serifenlose Schrift. Sie &auml;hnelt der Optima von Hermann Zapf, denn beide Schriften verbinden die Merkmale von Grotesk und Antiqua und sind dadurch anspruchsvoll in der Klassifikation. Durch ausdrucksvolle Kurvenabl&auml;ufe und Betonung der senkrechten Abschl&uuml;sse ist die Zeilenbildung der Brasil geschlossener als bei reinen Sansserif-Schriften. Dies wird besonders bei der Kursiven deutlich.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Ihre Binnenr&auml;ume sind nicht ganz ge&ouml;ffnet und doch deutlich ausgepr&auml;gt. Sie besitzt ein zweigeschossiges &raquo;g&laquo; und &raquo;a&laquo;. Der Glyphenbreitenkontrast ist leicht ausgepr&auml;gt &mdash; ebenso der Strichst&auml;rkenkontrast, der sich in der &bdquo;Tailliertheit&ldquo; der Schrift &auml;u&szlig;ert und f&uuml;r ihr markantes Bild steht. Daher wirkt die Schrift sehr stabil und einheitlich im Satz. Dazu tr&auml;gt auch die hohe x-H&ouml;he bei.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Die Einzelformen sind sehr charakteristisch f&uuml;r den jeweiligen Buchstaben und so entstehen &mdash; trotz der formalen Einheit &mdash; markante Wortbilder. Den Formen liegen funktionale &Uuml;berlegungen zu Grunde. Sie zeigen daher eine gro&szlig;e Klarheit und Deutlichkeit, ohne &Uuml;berfl&uuml;ssiges. Durch ihren festen Stand und da sie schlicht, gleichzeitig elegant wirkt, eignet sich die Brasil sowohl f&uuml;r den Mengensatz als auch f&uuml;r den Titelsatz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Die Urspr&uuml;nge der Brasil liegen in Georg Saldens kalligrafischen Erfahrungen: Er f&uuml;hrte damals das G&auml;stebuch der IHK Essen mit einer &auml;hnlichen Versalschrift. Anfang der 70er Jahre waren fette Headlineschriften stark verbreitet. Eine reine Versalschrift schien Salden jedoch von zu wenig Nutzen, so entwarf er die Brasil anhand eines Probeworts in gemischter Schreibweise und legte dies dem GST-Kreis vor. Die Brasil wurde angenommen und Salden bereitete sie zun&auml;chst f&uuml;r den Staromat-Fotosatz auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Zwischen 1984 und 1988 wurde die Brasil f&uuml;r den Mengensatz ausgebaut. Es brauchte neue Fettenschnitte, andere Breitenproportionen und eine Zurichtung. Dies machte Georg Salden &ndash; wie schon zuvor beim urspr&uuml;nglichen Entwurf der Brasil f&uuml;r den Titelsatz &ndash; selbst in seinem Atelier, in m&uuml;hevoller Handarbeit und durch stundenlanges Ausprobieren. Selbst f&uuml;r das Kerning machte er, angeregt durch den GST-Partner Hansj&ouml;rg Stulle, detaillierte Anweisungen, was der Satzqualit&auml;t zugute kam.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Auch die Digitalisierung der Brasil in den 90er und fr&uuml;hen 2000er Jahren schlie&szlig;lich nahm Salden selbst vor. Er arbeitete dabei mit UWR zusammen und benutzte ihr Ikarus-System. Die letzte Instanz zur &Uuml;berpr&uuml;fung war jedoch auch dabei stets der Ausdruck und nicht der Bildschirm.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Darum ist die Brasil meine Lieblingsschrift:<\/h5>\n\n\n\n<p>Ich liebe die Brasil, weil sie sich &ndash; hinsichtlich ihrer Klassifikation &ndash; nicht so leicht kriegen l&auml;sst. Das macht sie wandelbar und funktional, gleichzeitig bewahrt es ihre Eleganz und den pr&auml;gnanten Eindruck auf ihre Rezipient*innen. Sie zeugt von gro&szlig;em Sachverstand &mdash; sowohl ihrer Nutzer*innen &mdash; als auch von ihrem Gestalter. Sie ist im Mengensatz angenehm lesbar, pr&auml;zise und zur&uuml;ckhaltend. Im Titelsatz hingegen besticht sie durch ihre spannende Formgebung und die Pr&auml;gnanz ihrer Zeichen. Oder wie Georg Salden seine Brasil bei ihrer Einf&uuml;hrung beschrieb: &bdquo;Sie hat ein klares, gro&szlig;es Bild ohne jede Verspieltheit, wirkt elegant aber nicht blutleer, scharf aber nicht kalt.&ldquo;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Die Brasil besitzt heute 17 Schnitte &ndash; von Extraleicht bis Fett, Aufrechte und Kursive, und auch f&uuml;nf Schnitte Kapit&auml;lchen von Extraleicht bis Halbfett. Mit den west- und osteurop&auml;ischen Zeichens&auml;tzen deckt sie die lateinischen Zeichensysteme ab. Die OpenType-Features umfassen die &uuml;blichen vier Ziffernarten &ndash; proportionale Versalziffern, diktengleiche Versalziffern, proportionale Medi&auml;valziffern und diktengleiche Medi&auml;valziffern &ndash;, au&szlig;erdem&nbsp;Schwungbuchstaben in den kursiven Schnitten Extraleicht, Leicht und Buch, sowie die automatische Bruchziffernersetzung und sprachspezifische Verwendung typografisch korrekter Zeichen, und echte hoch- und tiefgestellte Ziffern. Ein Schnitt der Brasil kostet in der Einzellizenz knapp 100 Euro und ist &uuml;ber die TypeManufactur erh&auml;ltlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Das war meine Lieblingsschrift, die Brasil von Georg Salden. Mein Name ist Anneke Niehues. Vielen Dank f&uuml;rs Zuh&ouml;ren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hi, mein Name ist Anneke Niehues und ich studiere Kommunikationsdesign an der Folkwang Universit\u00e4t der K\u00fcnste. 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