{"id":5408,"date":"2022-04-10T15:50:37","date_gmt":"2022-04-10T13:50:37","guid":{"rendered":"https:\/\/gsalden.folkwang-uni.de\/?p=5408"},"modified":"2022-05-01T16:41:13","modified_gmt":"2022-05-01T14:41:13","slug":"polo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gsalden.folkwang-uni.de\/index.php\/2022\/04\/10\/polo\/","title":{"rendered":"Polo"},"content":{"rendered":"<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/gsalden.folkwang-uni.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Polo.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Hallo, mein Name ist Ludwig &Uuml;bele, ich bin selbst&auml;ndiger Schriftentwerfer. Neben meiner eigenen schriftgestalterischen T&auml;tigkeit arbeite ich seit etwa 15 Jahren eng mit Georg Salden zusammen und digitalisiere, erweitere, produziere und vertreibe seine Schriften exklusiv auf meinen Webseiten LudwigType und TypeManufactur.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Heute stelle ich euch Georg Saldens bekannteste und sicher auch einflussreichste Schrift vor: Die Polo. Die Polo entstand 1972 und z&auml;hlt damit zu Saldens fr&uuml;hen Schriftentw&uuml;rfen. Trotzdem ist in ihr schon alles enthalten, was seine Schriften ausmachen:<br>Klarheit, Harmonie und Lesbarkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Und dann ist da noch etwas, was in Georg Saldens Schriften zu finden ist: Sie sind immer neu. Heute erscheinen uns viele Formen der Polo vertraut. Doch zur Zeit ihrer Entstehung war sie in vielerlei Hinsicht etwas v&ouml;llig neues.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Da ist nat&uuml;rlich das charakteristische g mit der offenen Schleife, das so noch nie vorher in einer serifenlosen Druckschrift zu sehen war. Salden wollte den Buchstaben gar nie ganz &ouml;ffnen, wie man an den allerersten Entw&uuml;rfen sehen kann. Zun&auml;chst hat er nur versucht, diese komplexe Form aufzuhellen. Und so hat er die Stelle immer mehr verd&uuml;nnt, bis er an dem Punkt ankam, sie ganz zu &ouml;ffnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Allerdings &ouml;ffnet er die Schleife nur ganz leicht. Optisch sollte das Auge n&auml;mlich die Schleife vervollst&auml;ndigen.<br>Schriften, die diese Form sp&auml;ter kopiert haben, haben die &Ouml;ffnung meist &uuml;bertrieben, ohne ihren Sinn zu begreifen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Und das ist etwas was mich an Saldens Schriftentw&uuml;rfen am meisten fasziniert: Sie sind immer neu, &uuml;berraschend, und doch hat jede Formentscheidung seinen Sinn. Nichts ist nur aus purer Spielerei entstanden. Alles hat eine Funktion.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Genauso ist es zum Beispiel mit den oben schr&auml;g abgeschnittenen senkrechten Balken. Diese schr&auml;gen Balken-Abschl&uuml;sse sind keine formale Spielerei, sondern erf&uuml;llen eine bestimmte Funktion.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Und das geht so: Die Oberkante der Kleinbuchstaben geh&ouml;rt zu den wichtigsten Bereichen einer Leseschrift. Um optisch gleich hoch zu erscheinen, variieren die H&ouml;hen minimal. Runde Formen ragen &uuml;ber die x-H&ouml;he hinaus. Die Querbalken beim f und t, liegen etwas darunter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Salden sagt nun, dass sich eine schr&auml;ge Kante diesen unterschiedlichen H&ouml;hen viel besser anpassen kann. Sie geht vorne beim Querbalken des f los, und ragt hinten &uuml;ber das z hinaus. Dank der schr&auml;gen Kanten f&uuml;gt sich das alles harmonisch zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Die Polo folgt in ihrer Konstruktion der humanistischen Antiqua. In diesem Sinn entsprechen die schr&auml;gen K&ouml;pfe der senkrechten St&auml;mme denen der fr&uuml;hen Antiqua. Die leicht konischen Balken, vor allem in den Gro&szlig;buchstaben, simulieren die sympathischen Verfettungen des Buchdrucks in den inneren Ecken und verleihen der Schrift einen organischen und lebendigen Charakter.<br>Sie verweisen auch noch auf etwas anderes, worin Georg Salden ja bekanntlich auch ein Meister war: auf mit der Feder geschriebene Schriftformen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Auch die Ziffern der Polo sind bemerkenswert, es sind gleichhohe Ziffern mit sehr kleinen Ober- und Unterl&auml;ngen, um sich besser ins Textbild einzuf&uuml;gen. Georg Salden meint, an den Ziffern einer Schrift kann man die F&auml;higkeiten eines Schriftentwerfers am besten erkennen, weil er meistens weniger ge&uuml;bt darin ist, Ziffern zu zeichnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">1989 fertigt Georg Salden erstmals digitale Fonts der Polo an, und er beschlie&szlig;t, verschiedene Versionen f&uuml;r verschiedene Gr&ouml;&szlig;en zu erstellen. Im Bleisatz war es noch selbstverst&auml;ndlich, dass jede Schriftgr&ouml;&szlig;e unterschiedlich gezeichnet wurde, je nachdem, wie die der jeweiligen Gr&ouml;&szlig;e g&uuml;nstigste Form und Laufweite war. Im digitalen Bereich erscheint mir Georg Salden der erste, der dies machte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Zun&auml;chst erstellte er 2 Versionen: Polo 11 f&uuml;r kleine Schriftgr&ouml;&szlig;en und Polo 22 f&uuml;r gr&ouml;&szlig;ere Schriftgrade. Polo 11 hat Einkerbungen an spitzen Innenecken und Verst&auml;rkungen an spitzen Au&szlig;enecken. Dadurch bleiben Buchstaben in kleinen Schriftgr&ouml;&szlig;en sch&auml;rfer und deutlicher. Auf ungestrichenem Papier oder bei schlechter Druckqualit&auml;t wird das Zulaufen mit Druckfarbe verhindert. Die Buchstaben der Polo 22 hingegen sind innen und au&szlig;en glatt. Bei Anwendung in gr&ouml;&szlig;eren Schriftgraden sind sie eleganter als Polo 11. Sp&auml;ter kommt noch Polo 66 f&uuml;r Headlines hinzu. Sie ist geringf&uuml;gig leichter gezeichnet und l&auml;uft etwas schmaler. Sie kann f&uuml;r gro&szlig;e Schriftgr&ouml;&szlig;en oder raumsparend bei schmalen Satzspiegeln verwendet werden. Sie besitzt echte Medi&auml;valziffern mit Ober- und Unterl&auml;ngen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Die Polo ist mit fast 80 Schriftschnitten Georg Saldens umfangreichste Schriftfamilie. Das mag heutzutage als nicht besonders gewaltig erscheinen. Doch man muss bedenken, Georg Salden hat ja jeden Schriftschnitt, jeden einzelnen Buchstaben mit der Hand gezeichnet. Und selbst sp&auml;ter, als er am Computer arbeitete, hat er zwar durchaus die Interpolationsm&ouml;glichkeiten des Rechners genutzt, aber jeden einzelnen Schriftschnitt immer noch nachtr&auml;glich &uuml;berarbeitet. Er sagt, jeder Schriftschnitt braucht eine bestimmte Frische, einen Pepp, den die Hochrechnung des Computers nicht automatisch erzeugt. Er sagt, dass die Schriftschnitte wie Geschwister zueinander stehen w&uuml;rden, d.h. dass sie zwar zur gleichen Familie geh&ouml;ren, aber trotzdem jede ihre Eigenheiten behalten muss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Skeptisch steht Georg Salden &uuml;brigens auch sogenannten Schriftsippen gegen&uuml;ber, also Familien, die aus unterschiedlichen Stilen wie Serifenschriften, Serifenlosen, Serifenbetonten usw. bestehen. Er glaubt, dass sich eine Formensprache nicht einfach auf eine andere Schriftart &uuml;bertragen l&auml;sst. Nichtsdestotrotz hat Salden versucht, zu seiner Polo eine Serifenschrift zu gestalten. Er hat sie dann allerdings nicht Polo Serif genannt, sondern ihr einen eigenen Namen gegeben. Sie hei&szlig;t Kant, wurde aber nie ver&ouml;ffentlich. Sie ist eine der Entw&uuml;rfe, die noch darauf warten, von mir fertig gestellt zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Georg Salden sagt, er wollte mit der Polo, die &raquo;sachliche Ausstrahlung einer Grotesk mit dem harmonischen Lesefluss einer Antiqua verbinden&laquo;. Das ist ihm mit Bravur gelungen. Die Polo ist eine lebendige, und vor allem eine &auml;u&szlig;erst lesbare Serifenlose. Georg Saldens Schriften sitzen einfach, und das beobachte ich insbesondere bei seiner Polo.<br>Er hat einmal gesagt, sein Ziel sei es, Alphabete zu entwickeln, die ein &Auml;quivalent zu den historischen Schriften darzustellen verm&ouml;gen. Er sagte, dass er versucht, endg&uuml;ltige Formen zu erarbeiten, die vielleicht auch noch in 50 oder 100 Jahren repr&auml;sentativ sein k&ouml;nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Nach nunmehr 50 Jahren erscheint die Polo immer noch jung und frisch. Daran erkennt man einen wahren Klassiker: Wenn er die Zeit mit all ihren Moden &uuml;berdauert und immer noch seine Funktion perfekt erf&uuml;llt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo, mein Name ist Ludwig \u00dcbele, ich bin selbst\u00e4ndiger Schriftentwerfer. Neben meiner eigenen schriftgestalterischen T\u00e4tigkeit arbeite ich seit etwa 15 Jahren eng mit Georg Salden zusammen und digitalisiere, erweitere, produziere und vertreibe seine Schriften exklusiv auf meinen Webseiten LudwigType und TypeManufactur. 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