{"id":5395,"date":"2022-04-10T15:22:08","date_gmt":"2022-04-10T13:22:08","guid":{"rendered":"https:\/\/gsalden.folkwang-uni.de\/?p=5395"},"modified":"2022-05-01T16:39:05","modified_gmt":"2022-05-01T14:39:05","slug":"daphne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gsalden.folkwang-uni.de\/index.php\/2022\/04\/10\/daphne\/","title":{"rendered":"Daphne"},"content":{"rendered":"<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/gsalden.folkwang-uni.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Podcast_Salden_Daphne.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Hallo, mein Name ist Petra R&uuml;th. Ich wohne in Berlin und arbeite als Typografin, Schriftforscherin, Type Desigerin und Kalligrafin. Zur Zeit bin ich Meistersch&uuml;lerin bei Professor Fred Smeijers an der Hochschule f&uuml;r Grafik und Buchkunst in Leipzig. Dabei widme ich mich Christian Gottlob Ro&szlig;berg, dessen Schriftfamilie aus Fraktur, Kanzlei und Kurrent ich in die digitale Welt &uuml;berf&uuml;hre.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Heute stelle ich euch meine Lieblingsschrift aus dem Repertoire von Georg Salden vor: die Daphne. Sie wurde von Georg Salden im Jahr 1970 als Display-Schrift f&uuml;r die Firma H. Berthold AG gestaltet.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Salden wurde Anfang der 1960er Jahre mit der Ausstattung eines Hut-Salons (Steigleder) in D&uuml;sseldorf betraut und zeichnete zun&auml;chst eine Reihe von Signet-Entw&uuml;rfen. Als die Entscheidung f&uuml;r die Wortmarke gefallen war, entwarf er weitere Werbemittel &ndash; unter anderem auch eine Einladung und Anzeige zur Er&ouml;ffnung. F&uuml;r diese Anzeige schrieb er den Text h&auml;ndisch mit einer Breitfeder. Er entwickelte eine geschriebene Schrift mit fetten St&auml;mmen und feinen Haarlinien, die trotz des geschriebenen Ursprungs einen fast konstruktiven Charakter verk&ouml;rpert. Hierf&uuml;r hat er die Breitfeder w&auml;hrend des Schreibens auf verschiedene Weise gedreht. Insgesamt entstand ein kompaktes Schriftbild mit einem kr&auml;ftigen Rhythmus. Besonders war die Ausstattung mit Zier- und Schwungbuchstaben bzw. mit angesetzten Schw&uuml;ngen. Ende der 1960er Jahre zeichnete Georg Salden basierend auf dieser Anzeige eine Satzschrift und bot sie der Firma H. Berthold AG f&uuml;r den Staromaten* an. G&uuml;nter Gerhard Lange nahm den Entwurf an und betreute ihn als k&uuml;nstlerischer Leiter Bertholds.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">*Ein kurzer Ausflug: Der Staromat war ein Fotosatzger&auml;t der Firma Berthold. Er war insbesondere f&uuml;r den Titelsatz gedacht und konnte Buchstaben bis 140 mm Gr&ouml;&szlig;e belichten. Ein Staromat arbeitete mit Negativ-Film-Streifen von genormter L&auml;nge und H&ouml;he, die zwischen zwei Plexiglas-Scheiben eingefasst wurden; f&uuml;r korrekte Buchstaben-abst&auml;nde musste manuell gesorgt werden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Georg Saldens Vorschlag sah einen Staromat-Streifen f&uuml;r das Alphabet und einen einigen Streifen f&uuml;r die Schw&uuml;nge vor. Die Schw&uuml;nge waren so ausgerichtet, dass sie an den entsprechenden Stellen beliebig angesetzt werden konnten. Auf diese Weise ergab sich ein komfortables&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Arbeiten und eine hohe Passgenauigkeit, sowie eine breite Variabilit&auml;t.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Als k&uuml;nstlerischer Leiter setzte Lange seinen Vorschlag eines zweiten Staromat-Streifens mit weiteren Schw&uuml;ngen und Buchstabenvarianten durch. In der Praxis erwies sich dies als unpraktisch, da die Setzer*innen mit zwei Streifen arbeiten mussten. Die Staromat-Technologie erlaubte jedoch dem Satz nur einen engen Zeitrahmen, nach dem das Papier nicht mehr zu belichten war, das waren ca. 20 Minuten. Das Auswechseln der Streifen war dann ein unn&ouml;tiger Zeitverlust. Zudem hatte Berthold die Schw&uuml;nge auf dem zweiten Streifen nicht nur ungenau, sondern auch v&ouml;llig falsch platziert &ndash; also gespiegelt und verdreht &ndash; so dass das Konzept Langes nicht aufging.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">1970 kam die Berthold Daphne dann auf den Markt und wurde als Staromatstreifen vertrieben. Laut Georg Salden gew&auml;hrte Berthold den Designer*innen einen Anteil von 10 % am Gewinn. Da Berthold feste Liefervertr&auml;ge mit Firmen hatte, erhielt Georg Salden zu Beginn den Anteil an diesen vorbestimmten Auslieferungen. Danach hielten sich die Einnahmen durch die Daphne laut Salden in Grenzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Nichts desto trotz nutzte die Firma die Schrift noch 1980 in Anzeigen zur Eigenwerbung, zum Beispiel im legend&auml;ren Magazin Upper &amp; Lowercase.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Ich m&ouml;chte zun&auml;chst die geschriebene Daphne veranschaulichen: Sie f&auml;llt auf durch ihr geschlossenes, kompaktes Schriftbild und den spielerischen Charakter, welcher haupts&auml;chlich durch die Schw&uuml;nge erzeugt wird. Trotz des deutlich erkennbaren Schreibduktus wirkt die Schrift fast konstruiert. Der Wechsel von Dick und D&uuml;nn, die &Auml;hnlichkeit der Einzelform und die relativ gerade Symmetrie-Achse erzeugen ebenm&auml;&szlig;ige, fast musterartige Wortbilder. Diese erinnern mich an die ornamentale Wirkung von gebrochenen Schriften.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Die Schrift ist leicht geneigt. Bemerkenswert ist das dreigeschossige g und die Kursivform des Minuskel-a. Das Minuskel-d wird in der runden Form geschrieben, so, wie man es aus der Fraktur oder der Unziale kennt. Die angesetzten Schw&uuml;nge haben nicht die gleiche Strichst&auml;rke wie der Grundstrich, sondern sind vielleicht halb so dick bzw. variieren in ihrer Breite. Es entsteht ein ungew&ouml;hnliches, markantes Schriftbild, was aber durchaus lebendig daherkommt. Es fehlen die Vorlagen f&uuml;r die Minuskelbuchstaben: j, q, v, w, x und y. Von den Majuskelbuchstaben fehlen C, J bis R und T bis Z. Oder andersherum: ABDEFGHI und S sind vorhanden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Nun m&ouml;chte ich auf die typografische Daphne eingehen. Der&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Satzentwurf der Daphne wirkt viel st&auml;rker konstruiert und kommt noch gleichm&auml;&szlig;iger daher. Die Binnenr&auml;ume sind konsequent geschlossen; die Schw&uuml;nge weisen explizitere Formen, Tropfen und Fahnen etc. auf. Auch diese Schrift ist leicht geneigt, ich habe in den Versalien 9,5&deg; Neigungswinkel gemessen. F&uuml;r Minuskel-a und g werden voreingestellt die kursiven Formen verwendet, die doppelst&ouml;ckigen Varianten sind per OpenType verf&uuml;gbar &ndash; gleiches gilt f&uuml;r das d in der runden Form.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Georg Salden hat dezente Serifen an den An- und Ausstrichen von zum Beispiel n, m, und u gestaltet. Die Anstriche an den Oberl&auml;ngen weisen originelle Vertikalserifen auf. Bemerkenswert sind auch die rechteckigen Enden bei g und s. Die x-H&ouml;he ist ungew&ouml;hnlich hoch und betr&auml;gt im Verh&auml;ltnis zur Ober- und Unterl&auml;nge circa drei zu eins. Die Versalh&ouml;he liegt nur minimal &uuml;ber der x-H&ouml;he. 0,3 Teile.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Die Majuskeln sind im Gegensatz zu den Minuskeln eher konventionell gestaltet und in ihrer Konzeption nach dem Prinzip der SemiSerif-Buchstaben ausgef&uuml;hrt. Im Duktus zeigen sie einen Wechselzug von dicken Abstrichen und d&uuml;nnen Aufstrichen, zu sehen zum Beispiel bei M, N und V. Links oben sind meist Serifen angesetzt. &Uuml;bergeordnet w&uuml;rde ich die Buchstaben ebenfalls mit einer konstruierten Formsprache charakterisieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Ohne Schw&uuml;nge wirkt die Daphne fast technoid oder futuristisch. Der Wechsel aus fetten Grundstrichen und d&uuml;nnen Diagonalformen sowie ihr geschlossener Charakter lassen ein gleichm&auml;&szlig;iges Muster entstehen. Der sehr dichte gedrungene Grauwert trotzt auch widrigen Untergr&uuml;nden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Ludwig Uebele setzte die Schrift f&uuml;r den modernen Satz mit OpenType-Features um. Hierbei erweist er sich als ebenso geschickt, wie seinerzeit Georg Salden. Die Schw&uuml;nge k&ouml;nnen mittels &raquo;kontextbedingter Varianten&laquo; angesteuert werden. Das Sternchen &ndash; auch als Asterisk bezeichnet &ndash; wird in verschiedener Anzahl genutzt, um unterschiedliche Schw&uuml;nge erscheinen zu lassen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Es existiert zus&auml;tzlich eine Schrift namens Daphne Script, die jedoch viel sp&auml;teren Ursprungs ist &ndash; ungef&auml;hr von 2011\/12 &ndash; und formal eigenst&auml;ndig agiert. Ihren Ursprung kann man gleichwohl deutlich nachvollziehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Die Daphne ist meine Lieblingsschrift aus dem Repertoire von Georg Salden, aus vielerlei Gr&uuml;nden. Wesentlich beeindruckt mich der kalligrafische Ursprung, der die Schreibweise mit der Breitfeder deutlich zu Tage treten l&auml;sst. Die dadurch entstehenden Unterschiede&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">in der Strichst&auml;rke erzeugen ein spannendes Schriftbild: Die dicken Abstriche wirken stabil und wuchtig, sie stehen in hohem Kontrast zu den d&uuml;nnen Aufstrichen, die von Salden vermutlich oft mit einer angewinkelten Feder geschrieben wurden und den Buchstaben Anmut und Eleganz verleihen. Diese starke Formensprache in den typografischen Satz zu &uuml;bertragen ist eine gro&szlig;e Leistung.Das entstehende Schriftbild empfinde ich als &auml;u&szlig;erst rhythmisch, es erscheint mir robust und strapazierf&auml;hig &ndash; und erinnert mich dabei an die ornamentalen B&auml;nder, die die M&ouml;che damals mit ihren Texturen auf Pergamentseiten geschrieben haben. Dabei wirkt die Daphne durch ihre Neigung dynamischer.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Mein Lieblingsbuchstabe ist das scharfe &szlig;, welches mit einer recht markanten Form daherkommt. In den Entwurfszeichnungen f&uuml;r die technische Umsetzung fand ich es auch noch interessant, den Tropfen bzw. die Fahne des kleinen r vom Stamm getrennt zu sehen. Diesen Ansatz hat Georg Salden allerdings wohl nicht weiter verfolgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das doppelst&ouml;ckige g finde ich ebenfalls bemerkenswert: Es vereint eine eher rigide Anmutung im Bereich der x-H&ouml;he mit einem weichen und gelungenen Ausschwung in der Unterl&auml;nge.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Die ch und ck-Ligaturen sind eine sch&ouml;ne Bereicherung, auch wenn sie vermtulich nicht oft zum Einsatz kommen. Sie erinnern mich an Zeiten, in denen man ch und ck noch als zusammengeh&ouml;rige Einheit betrachtet hat. Im Fraktursatz wurde der gesperrte Satz als typografisches Mittel regelm&auml;&szlig;ig f&uuml;r Hervorhebungen angewandt, und diese Zeichen klebten dann sozusagen aneinander. Erfreulich, dass die Daphne diese Buchstabenverbindungen anbietet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Ein Merkmal, welches mir an der Gestaltung weniger gef&auml;llt, ist ein Detail am Minuskel-o: Dort befindet sich in der Punze rechts oben eine kleine Ecke, die mich best&auml;ndig irritiert. Ich w&uuml;rde diese lieber gestaltet sehen analog der Punze des g, also spitz. Gleiches gilt f&uuml;r die obere Punze der Ziffer 8.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Daphne existiert in der digitalen Welt in zwei Varianten: Basic und Expert. In der Daphne Basic sind die Abschl&uuml;sse an den Ober- und Unterl&auml;ngen glatt, w&auml;hrend sie im Expert-Schnitt speziell geformt sind. Diese kleine Spitze &ndash; die Vertikalserife &ndash; best&uuml;ckt die Buchstaben mit einem Detail, was sie f&uuml;r mich prinzipiell spannender macht. UND diese Spitzen dienen auch als Ansatzpunkt f&uuml;r die Zierschw&uuml;nge, die man optional anf&uuml;gen kann. Ich w&uuml;rde die zierenden Elemente aber nur f&uuml;r kurze Textpassagen oder Headlines verwenden &ndash; und dabei m&ouml;glichst&nbsp;sparsam einsetzen, damit sie ihren Reiz nicht verlieren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Das Schriftbild der Daphne fasziniert mich durch einen ihr immanenten Gegensatz: Auf der einen Seite ist das ihre Wurzel &ndash; sie kommt aus der traditionellen Breitfeder-Kalligrafie &ndash; das zeigt sich in ihren Strichst&auml;rkenkontrasten. Auf der anderen Seite ist es die technisch-konstruierte Form, die futuristisch anmutet und einen pr&auml;genden Eindruck hinterl&auml;sst. Ich w&uuml;rde sie deshalb mit einem Vexierbild vergleichen: Es tritt das in den Vordergrund, auf was man sich gerade konzentriert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Somit bewahrt die Daphne auch nach dieser intensiven Auseinandersetzung f&uuml;r mich ein spielerisches Geheimnis &ndash;&ndash; und macht sie dadurch umso spannender. Eine wahrlich au&szlig;ergew&ouml;hnliche Schrift.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Die Daphne verf&uuml;gt &uuml;ber nur einen Schnitt und enth&auml;lt den west- und osteurop&auml;ischen Zeichensatz. Die Expert-Variante ist mit ausgiebigen OpenType-Features ausgestattet. Sie kostet als Einzel- Arbeitsplatz- Lizenz 95 Euro.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielen Dank f&uuml;r Ihre Aufmerksamkeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo, mein Name ist Petra R\u00fcth. Ich wohne in Berlin und arbeite als Typografin, Schriftforscherin, Type Desigerin und Kalligrafin. Zur Zeit bin ich Meistersch\u00fclerin bei Professor Fred Smeijers an der Hochschule f\u00fcr Grafik und Buchkunst in Leipzig. 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