{"id":5383,"date":"2022-04-10T14:56:05","date_gmt":"2022-04-10T12:56:05","guid":{"rendered":"https:\/\/gsalden.folkwang-uni.de\/?p=5383"},"modified":"2022-05-01T05:32:05","modified_gmt":"2022-05-01T03:32:05","slug":"zitat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gsalden.folkwang-uni.de\/index.php\/2022\/04\/10\/zitat\/","title":{"rendered":"Zitat"},"content":{"rendered":"<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/gsalden.folkwang-uni.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Zitat.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Hallo, mein Name ist Natascha Dell, ich unterrichte das Fach Schriftgestaltung an der Folkwang Universit&auml;t der K&uuml;nste. Heute stelle ich Euch meine <em>Lieblingsschrift<\/em> &raquo;Zitat&laquo; von Georg Salden vor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Die Zitat wurde von Georg Salden im Jahr 1996 f&uuml;r den digitalen Satz &mdash; und bereits mittels digitaler Technologien gestaltet.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Pr&#xE4;ambel<\/h5>\n\n\n\n<p>Die Zitat entstand in Folge Georg Saldens intensiver Besch&auml;ftigung mit Zeitungsschriften. Denn Anfang der 90er Jahre erhielt Georg Salden den Auftrag f&uuml;r die NRZ neue Schriften im Rahmen der Umstellung auf den Digitalsatz zu entwickeln. Die NRZ strebte im Rahmen des Technologie-Sprungs auch ein Relaunch des Designs an. Nach 2j&auml;hriger Entwicklungszeit entschied man sich f&uuml;r einen Entwurf, der Saldens Schriften nicht vorsah.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Georg Salden &#xFC;ber die Entstehung der &#xBB;Zitat&#xAB;<\/h5>\n\n\n\n<p>Zitat entstand f&uuml;r Zeitungen. Zeitungsschriften hat man schon in Bleisatzzeiten viel Aufmerksamkeit gewidmet. Die meisten waren auf offene Punzen getrimmte Egyptiennen. Sp&auml;ter wurde in Deutschland die sehr n&uuml;chterne &raquo;Candida&laquo; (Erbar) eingesetzt oder die schmiegsamere &raquo;Melior&laquo; (Zapf). Der etwas d&uuml;nnlippigen &raquo;Times&laquo; (Morison) wurde die stabilere &raquo;Concorde&laquo; (Lange) entgegengestellt. Aus diesem oft durchpfl&uuml;ckten Acker wollte ich eine Schrift wachsen lassen, die gut lesbar, ohne Auff&auml;lligkeiten, sachlich ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Zitat ist ein wenig schmaler f&uuml;r eine Antiqua, damit mehr Buchstaben in schmale Spalten passen. Ihre Versalien sind leicht fetter als die Gemeinen und gliedern den sprachlichen Rhythmus. Wo Verklecksungen in Buchstaben zu erwarten sind, sind die Buchstabenverbindungen unterbrochen: bei B, K, R, g, k. Die Serifen sind auf den H&ouml;henlinien eingekerbt. An schr&auml;gen Balken sind die Serifen nach innen waagrecht und leichter, au&szlig;en abfallend. Oberl&auml;ngen haben an sich flache Serifen, die am Stamm nach rechts oben spitzen. Unn&ouml;tige Serifen sind weggelassen: E, F in der Mitte. h, m, n haben hinten nur Halbserifen in Leserichtung; dadurch bleiben die Innenr&auml;ume dieser Buchstaben freier. Senkrechte Serifen an runden Balken-Endungen knicken diese Rundungen nach innen ab und verst&auml;rken so die Idee dieser Buchstaben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Nirgends scheint mehr getan als eben n&ouml;tig, um Deutlichkeit zu erzielen. Und doch: wenn man die Basisschrift betrachtet, klingt aus ihr ein freundschaftlicher Ton, geistvoll und sensibel, offen und zuverl&auml;ssig, kraftvoll und &uuml;berzeugend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Die wenigen 3 Schnitte m&uuml;ssen als Einheit beurteilt werden. Die &raquo;Fette&laquo; ist wie meist im Verh&auml;ltnis zur Grundschrift grober und wuchtiger, eben nachdr&uuml;cklicher. Die typischen Merkmale konnten alle mit gleichem Vorteil &uuml;bernommen werden. Die Fette hat eine gr&ouml;&szlig;ere x-H&ouml;he, weil sie sonst durch Anfettung niedrigerer Innenr&auml;ume bei der gleichen Punktgr&ouml;&szlig;e kleiner erscheinen w&uuml;rde. Trotzdem l&auml;uft sie kaum breiter. Der Fettenzuwachs geht bei senkrechten Balken eher nach innen. Schmalere Innenr&auml;ume gestatten auch geringere Buchstabenabst&auml;nde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Besonders erw&auml;hne ich die Kursiv. Hier wurden die Gro&szlig;buchstaben der Basisschrift als schr&auml;ge Varianten zu den Kleinbuchstaben gestellt, die alle ihre eigene kursive Formenwelt besitzen. Nur ein Buchstabe hat einen echten Serif: das f, das ich mit Unterl&auml;nge als zu kalligrafisch f&auml;nde. Es fehlen auch bei anderen Unterl&auml;ngen Schwungelemente gegen die Leserichtung. Der einzige Schreib-Anklang sitzt im unteren Balken des z, sozusagen ein kleines Zitat. Ich mag keine Kursiven, deren 100-prozentig ausgerichtete Schr&auml;glage den Eindruck von &raquo;Strichregen&laquo; erweckt. Leicht varrierte Richtungen bei K&ouml;pfen und F&uuml;&szlig;en der Buchstaben, auch die ziemlich gew&ouml;lbten Biegungen vermeiden hier einen solchen Effekt. Wie die Fette zur Basis etwas ernster wirkt, ist die Kursive fr&ouml;hlicher und kann so auch allein verwendet werden. Letztendlich ist es nat&uuml;rlich Aufgabe des Typografen und seine Geschicklichkeit, derartige Stimmungen zu vermitteln.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Schriftbeschreibung<\/h5>\n\n\n\n<p>Die Zitat ist eine kompakte Serifenschrift nach Art der Schadow (Georg Trump), deren Serifen stabil sind und gerade an die St&auml;mme angesetzt sind. Die Binnenr&auml;ume sind nicht ganz ge&ouml;ffnet und doch deutlich ausgepr&auml;gt. Sie besitzt ein dreigeschossiges &raquo;g&laquo; und ein zweigeschossiges &raquo;a&laquo;. Der Glyphenbreitenkontrast ist wenig ausgepr&auml;gt &mdash; ebensowenig der Strichst&auml;rkenkontrast. Daher steht die Schrift sehr stabil und einheitlich im Satz. Dazu tr&auml;gt auch die hohe x-H&ouml;he und der schmale Lauf der Schrift bei. Insgesamt erf&uuml;llt die Zitat alle Anspr&uuml;che der Reproduktionstechnik des Zeitungsdrucks an eine Brotschrift.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Einzelformen sind sehr charakteristisch f&uuml;r den jeweiligen Buchstaben und so entstehen &mdash; trotz der formalen Einheit &mdash; markante Wortbilder. Den Formen liegen funktionale &Uuml;berlegungen zu Grunde und zeigen daher eine gro&szlig;e Klarheit und Deutlichkeit, ohne &Uuml;berfl&uuml;ssiges. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Die Bodenserifen sind an der Grundlinie leicht nach oben aufgew&ouml;lbt. Die Anstriche der Dachans&auml;tze zeigen eine kongruente W&ouml;lbung. Bei n&auml;herer Betrachtung entpuppt sich die W&ouml;lbung als eckige Form. Besonders auff&auml;llig sind diejenigen Stellen, die die gr&ouml;&szlig;te Gefahr der Fleckung im Satzbild bergen: bei Majuskel-Buchstaben BKR und Minuskel-Buchstaben k, g&nbsp; Dort sind die Striche nicht verbunden. Aus dem selben Grund wurde die senkrechte Serife an der x-H&ouml;he bei E und F weggelassen. Die Abstriche bei a, b, d wurden d&uuml;nner und abknickend gestaltet, um auch hier die Gefahr des &raquo;fleckens&laquo; zu vermeiden. Die Serifen in den Binnenr&auml;umen bei n, m, h zeigen nur nach rechts.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Die Zitat steht sehr gleichm&auml;&szlig;ig im Satz, ohne ihre Wortbildpr&auml;gnanz einzub&uuml;&szlig;en.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Die Kursive ist formal stark an den rekten Schnitt gebunden. Nichts desto trotz zeigt sie alle Merkmale einer &raquo;echten&laquo; Kursivschrift mit den typischen Bedingungen. Die &Uuml;berl&auml;ufe sind viel tiefer angesetzt, statt Bodenserifen gibt es runde Anstriche und gerade Abschl&uuml;sse an der Grundlinie. Einige Buchstaben sind sogar stark aus der geschriebenen Form abgeleitet, so weisen v, w und z geschwungene und runde Formen auf. Die Kursive l&auml;uft schmaler als die aufrechte Schrift und ist dabei nur um 9 Grad geneigt. Besonders interessant ist, dass auch die inneren Bogenformen der Anstriche keine echten Rundungen aufweisen, sondern eckig gestaltet sind.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Warum sie meine Lieblingsschrift ist<\/h5>\n\n\n\n<p>Ich liebe die Zitat, weil sie durch ihren feingeistigen Charakter und ihre hohe Funktionalit&auml;t zur Profilierung von versierten Typograf*innen taugt. Sie zeugt von gro&szlig;em Sachverstand &mdash; sowohl ihrer Nutzer*innen &mdash; als auch von ihrem Gestalter. Die feine Abstimmung der Schnitte, die Details, ihr klarer und funktionaler Ansatz, die deutlichen und gut durchdachten Formen, all das sind gute Gr&uuml;nde, die Zitat &mdash;&nbsp;nicht nur in Zeitungen einzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Dabei gef&auml;llt mir ganz besonders, dass sie in kleinen Graden der Lesbarkeit dienend &mdash; zur&uuml;ckhaltend agiert. In gro&szlig;en Graden jedoch gl&auml;nzt sie mit der Sch&ouml;nheit einer funktionalen und doch ungew&ouml;hnlichen Form.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"einzug\">Die Zitat besitzt leider nur drei Schnitte, die Buch, die Kursiv Buch und die Halbfett. Dar&uuml;ber hinaus ist ihr Zeichenreservoir nicht &uuml;berm&auml;&szlig;ig &uuml;ppig ausgebaut. Mit dem west- und osteurop&auml;ischen Zeichens&auml;tzen deckt sie die lateinischen Zeichensysteme ab. An Opentype-Features wartet sie mit den &uuml;blichen vier Ziffern-Arten: Proportionale Versalziffern, diktengleiche Versalziffern, proportionale Medi&auml;valziffern und diktengleiche Medi&auml;valziffern auf. Sie besitzt die automatische Bruchziffern-Ersetzung sowie echte Hoch- und Tiefgestellte Ziffern. Schmerzlich vermisse ich Kapit&auml;lchen. Ein Schnitt der Zitat kostet knapp 100 Euro f&uuml;r eine Einzelperson.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Zitat entstand in Folge Georg Saldens intensiver Besch\u00e4ftigung mit Zeitungsschriften. 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